Zum Schutz der Kinder und Jugendlichen ist ein Social-Media-Verbot nötig, sagt Dr. Olaf Heinrich. Auch Chefärztin Dr. Tanja Hochegger sieht Handlungsbedarf. Sie empfiehlt zusätzlich zu einer Altersgrenze die Stärkung der Medienkompetenz.
Landshut. Sie haben teils hunderte oder sogar tausende Follower auf Social Media. Im wahren Leben sieht es dagegen oft ganz anders aus: Viele Kinder und Jugendliche finden keine Freunde, die Einsamkeit nimmt nicht nur zu – sie ist so hoch wie nie zuvor. Das ergab die kürzlich vorgestellte Jugendtrendstudie 2026 des Instituts für Generationenforschung in Augsburg. Social Media verstärke Ängste und auch das Gefühl der Isolation, so die Experten.
Seit in Australien im Dezember 2025 das Gesetz in Kraft trat, das unter 16-Jährigen die Nutzung sozialer Medien untersagt, wird die Debatte weltweit intensiv geführt. So will Österreich beispielsweise ein Verbot für unter 14-Jährige und auch einige Bundesländer in Deutschland drängen auf eine Altersgrenze. Dem schließt sich Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich an und spricht sich für ein Verbot aus: „Ich erlebe als Präsident und Trägervertreter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Niederbayern laufend, dass die Zahl der behandlungsbedürftigen Kinder und Jugendlichen in Niederbayern steigt. Das bringt uns bereits an die Belastungsgrenze.“ Diese Entwicklung sei gerade seit Corona dynamisch. „Vor diesem Hintergrund befürworte ich ein Social-Media-Verbot ausdrücklich.“
„Die Gesetzgebung in Australien markiert einen Wendepunkt in der Debatte um den digitalen Kinderschutz“, sagt Dr. Tanja Hochegger, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirkskrankenhaus Landshut. Damit werde erneut anerkannt, dass digitale Räume erhebliche Risiken für die Entwicklung und (psychische) Gesundheit von Kindern und Jugendlichen mit sich bringen können. Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht müsse der Sachverhalt jedoch differenziert betrachtet werden.
Jugendliche innerhalb der digitalen Realität stark machen
Die Chefärztin empfiehlt kein reines Verbot. Zusätzlich müsse man auch auf die Stärkung der Medienkompetenz setzen. „Sie könnte als Schulfach strukturell verankert sein und die digitale Gesundheitskompetenz fördern“, schlägt die Ärztin vor. Dadurch könnten Kinder und Jugendliche lernen, Algorithmen zu durchschauen und kritische Inhalte reflektiert zu bewerten. „Es sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass soziale Medien oft ein unrealistisches Schönheitsideal vermitteln.“ Denn durch stark bearbeitete Bilder könne leicht ein verzerrtes Bild vom eigenen Körper entstehen und zu Unzufriedenheit führen. „Gleichzeitig verfolgen viele Inhalte kommerzielle Ziele und versuchen gezielt, junge Menschen frühzeitig zum Konsum zu verleiten.“
Strenge Verbote würden häufig dazu führen, dass sich die Nutzung in unkontrollierte Räume verlagert. „Ziel muss es sein, die Jugendlichen innerhalb der digitalen Realität stark zu machen, anstatt sie daraus auszusperren“, empfiehlt die Chefärztin und erinnert zusätzlich an die Aufsichts- und Begleitpflicht der Eltern: „Die Erziehung zur Medienkompetenz ist eine Kernaufgabe der Familie, die nicht durch gesetzliche Verbote ersetzt werden kann.“ Nur durch die gemeinsame Auseinandersetzung mit digitalen Inhalten könnten Kinder und Jugendliche die notwendigen Abwehrmechanismen und eine gesunde Distanz zu sozialen Medien entwickeln und so einen verantwortungsbewussten Umgang erlernen.
Ähnlich sehen es auch die Wissenschaftliche Fachgesellschaft und Verbände der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, die erst im Februar 2026 eine neue Studie dazu veröffentlicht haben. Die Experten empfehlen darin ein Verbot bis 14 Jahre, anschließend eine eingeschränkte und ab 16 Jahren die freie Nutzung.
Stärkung der Medienkompetenz
„Meiner Einschätzung nach könnte die Altersgrenze etwas gelockert werden“, so Dr. Hochegger. Sie würde die Social-Media-Nutzung nicht erst ab 14, sondern bereits ab 12 Jahren unter Einschränkungen zulassen. Jedoch immer in Kombination mit einer vermehrten Kompetenzerweiterung. Diese werde aber alleine durch die Eltern und die Schulen nicht ausreichen. „Deshalb wären gezielte, öffentlich gesteuerte Präventionsmaßnahmen zusätzlich wirksam“, empfiehlt die Chefärztin. „Wie z.B. bei Nikotin oder Alkohol am Steuer – angepasst für das Thema Social Media.“ Beispielsweise könnten ein Original-Bild und ein stark bearbeitetes, körperverändertes Bild gegenübergestellt werden.
„So vielseitig – und in vielen Bereichen positiv – die Möglichkeiten der Digitalisierung sind: Sie bergen für unsere Kinder und Jugendlichen Risiken“, so Dr. Olaf Heinrich. „Risiken, die sie aufgrund ihres Alters wohl oft nicht ab- bzw. einschätzen können. Zu ihrem Schutz brauchen wir deshalb insbesondere für den Bereich der sozialen Medien eine Altersgrenze. Wo diese – für die eingeschränkte und die spätere uneingeschränkte Nutzung – angesetzt wird, muss auf wissenschaftlicher Grundlage diskutiert werden.“
Im Bild: Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich.
Foto: Fotostudio Eder
